Die LMU München untersucht seit dem 1. März 2026 in einer zeithistorischen Fallstudie die Vorkommnisse von sexualisierter Gewalt und anderer Gewaltformen im Kinderheim Nicolhaus in Willmars / Rhön. Die wissenschaftliche Studie unter Leitung des Kirchenhistorikers Professor Christopher Spehr wird von der Historikerin Dr. Angelika Censebrunn-Benz durchgeführt und ist auf zwei Jahre angelegt. Ein interdisziplinär besetzter Wissenschaftlicher Beirat begleitet das Forschungsprojekt. Die unabhängige Aufarbeitungsstudie wird von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, dem Diakonieverein Willmars e.V., dem Diakonischen Werk Bayern e.V. und der Diakoniegemeinschaft Stephansstift e.V. finanziert.
„Im Jahr 2012 berichteten ehemalige Heimkinder erstmals öffentlich von Gewalt, die sie in physischer, psychischer und sexualisierter Form in den 1950er bis 1980er Jahren im evangelischen Kinderheim Nicolhaus in Willmars erfahren hatten“, so Professor Spehr. „Weitere betroffene Personen meldeten sich zu Wort und sprachen über ein Klima der Kinderfeindlichkeit, Gewalt, Grausamkeit und Angst, das in dem Heim geherrscht habe.“
Die Vorkommnisse von Gewalt im Kinderheim sowie die dahinterstehenden Strukturen und zeitgeschichtlichen Kontexte sollen nun kritisch, konsequent und unabhängig untersucht und aufgearbeitet werden. „Neben Interviews mit Betroffenen, deren Berichte einen zentralen Platz einnehmen werden, soll die Auswertung von Archivmaterialien und anderen Quellen die Umstände und Strukturen offenlegen, die die Übergriffe ermöglicht haben“, erläutert Dr. Censebrunn-Benz, die umfangreiche Erfahrung in der Heimkinderforschung und in der Durchführung lebensgeschichtlicher Interviews in das Projekt einbringt.
Ein Forschungsbericht wird am Ende der zweijährigen Laufzeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.